ARNO SCHMIDT
Der 112. Geburtstag & das 30. Geburtstagstreffen
Trocken, plus fünf Grad Celsius am Sonntag, den 18. Januar 2026 um 11:00 Uhr: Etwa 30 Personen aus dem Stadtteil, aus dem übrigen Hamburg, aus Büdelsdorf, Lübeck, Göttingen, Berlin und anderen Orten versammelten sich vor dem Haus Rumpffsweg 27 in Hamburg-Hamm, um den 112. Geburtstag des Schriftstellers Arno Schmidt zu feiern. Begrüßt wurden die Anwesenden von Jan Oliver Wurl (Wanderfreunde Alice und Arno Schmidt) für das Stadtteilarchiv Hamburg-Hamm und von Anne Bossok für die Stadtteilinitiative Hamburg-Hamm e.V. Beide standen dort auch für Wolfgang Zimmermann, der die Geburtstagstreffen seit 15 Jahren gestaltete, aber ausgerechnet zum 30. Treffen fiebrig erkältet das Bett hüten musste. Der Jubiläumstermin fand leider auch ohne Michael Braun statt. Die Tradition, erst in der Januarkälte „draußen“ am Haus, dann fortgesetzt „drinnen“, mit „Warmer Küche“ im Anschluss, fand ihren Anfang 1997: Sie wurde begründet durch ihn, zusammen mit Roland Burmeister, der sich dereinst um die Musikstellen bei Arno Schmidt verdient machte, und der lange verstorben ist.
Herr Wurl begann mit einem erweiterten und umständehalber umstrukturierten Vortrag auf der Grundlage einer Notiz von Herrn Zimmermann. Er referierte die sozialen Umstände von Arno Schmidts Geburt im Haus Rumpffsweg 27 und sprang in das Jahr 1928, jenes Jahr, in dem Arno mit der plötzlich verwitweten Mutter Clara und Schwester Lucy nach Schlesien verzog. Dieser Verlust der Hamburger Lebenswelt war das Ende von Schmidts Zeit in Hamburg und zugleich das Ende seiner Kindheit. Der Vortrag konzentrierte sich dann auf eine Konstante aus dem erwachsenen Leben Schmidts: die wiederholten Ausbrüche auf der Suche nach Ruhe zum Schreiben und nach Anerkennung als Schriftsteller, die ihn – aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt – von Schlesien nach Cordingen bei Walsrode, nach Kastel an der Saar, nach Darmstadt und schließlich nach Bargfeld im Kreis Celle trieben:
Schmidt wird im Brotberuf Dolmetscher, literarischer Übersetzer, Essayist, Redakteur. Vor allem aber wird er in diesen Jahren, nach dem ‚Leviathan‘ (1949), zu einem prägenden Schriftsteller der westdeutschen Nachkriegszeit. Bald bekommt er Preise, wird bekannt, aber leben kann er davon mehr schlecht als recht. Bis ein zugeneigter und fachkompetenter Leser erscheint, der ihm den Geldwert des Nobelpreises für Literatur aus seinem Erbe auszahlt. Erst dann sind die prekären und oft brotlosen Tage der Schmidts wirklich vorbei. Nur zwei Jahre später erleidet Arno Schmidt bei der Arbeit über ‚Julia, oder die Gemälde‘ einen Schlaganfall und stirbt 1979 in Celle.
„Warum lesen wir Arno Schmidt?“ Herr Wurl trug dazu eine passende Tagebuchnotiz von Walter Kempowski vor. Es handelt sich um einen Eintrag vom 24. März 1991 (abgedruckt in ‚Somnia – Tagebuch 1991‘). Kempowski hält eine Distanz zu Schmidt und er wählt Formulierungen, die Freunden Schmidts nicht gefallen können. Aber zwischen seinen Zeilen wird doch erkennbar, dass er den Schriftstellerkollegen in Bargfeld sehr schätzt. Und Kempowski macht mit wenigen Worten klar, warum ihm Schmidts Texte nahegehen.
Im Anschluss gab Herr Wurl das Wort an die Anwesenden von der Gesellschaft der Arno Schmidt Leser (GASL) weiter. Ulrich Klappstein und Heiko Thomsen berichteten aus der aktuellen Arbeit der GASL. Es gab noch einen Hinweis auf die im letzten Jahr erstmals erschienenen Tagebücher Schmidts, herausgegeben von Susanne Fischer (Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld), erschienen im Suhrkamp Verlag. Dann kam noch die Ansage zum nächsten Geburtstagstreffen, das 2027 auf einen Montag fällt. Dazu wurde eingeladen: Es sei „eine gute Gelegenheit, ein Wochenende in Hamburg um einen Tag zu verlängern“. Als im Anschluss daran der „Flachmann“ an der Reihe war, ging die Regie an Anne Bossok, die die Dokumentation des Treffens orchestrierte: das Gruppenfoto, mit der Erinnerungstafel am Haus, davor mit der Maggiflasche. Die Hungrigen unter den Gästen gingen danach wieder gemeinsam den kurzen Weg zum Griechen in der Hammer Landstraße 70. So ergänzten einander an einem kalten 18.1. ein weiteres Mal Wortkunst, Brennkunst und Kochkunst. In lebendiger Stimmung sprach man im Gasthaus mit alten Bekannten, traf auf neue Gesichter, schwelgte in Erinnerungen und machte Pläne für die Zukunft. Es wird berichtet, dass die informelle Feier sich noch bis in den späten Nachmittag hinzog.
Text von Jan Oliver Wurl, mit Ergänzungen durch Wolfgang Zimmermann.
Bilder von Anne Bossok.
Alle für das Stadtteilarchiv Hamburg-Hamm 2026.


